Probe ist immer donnerstags
Das Kammerorchester wurde vor 25 Jahren im Mai 1971 gegründet. Die Initiative hatte Dr. Karl Bornhäuser ergriffen. Er suchte sich die ersten Mitspieler zusammen, zum Beispiel aus dem kirchlichen Musikkreis um den unvergessenen, fröhlichen Kantor Ernst Schrade, den man im Winter zuvor zu Grabe getragen hatte. Als Dirigent konnte Dr. Bornhäuser den Leiter der 1969 gegründeten Musikschule, Herrn Uli Molsen, gewinnen. Geprobt wurde zunächst in
einem Klassenzimmer der Hindenburgschule, dann im Gemeindesaal der Friedenskirche und heute probt man immer donnerstags in der Aula der Schönbein-Realschule. Zu Ostern 1972 verließ Herr Molsen Metzingen und übernahm die Leitung der Musikschule in Balingen. Er hatte sich aber zuvor in Hannes Schmeisser einen kompetenten Nachfolger ausgeguckt. Herr Schmeisser war soeben von einem zehnjährigen Aufenthalt aus Chile zurück gekehrt, hatte in
Metzingen eine Wohnung gefunden und war beruflich als 1. Konzertmeister des Schwäbischen Sinfonieorchesters in Reutlingen engagiert. Er ließ sich dazu überreden, das Kammerorchester 1972 als musikalischer Leiter zu übernehmen und das ist er glücklicherweise bis heute geblieben. Unter seiner umsichtigen, liebenswürdigen und fachmännischen Leitung wuchs die Zahl der Mitspieler und das Können sehr rasch an, so dass immer anspruchsvollere
Orchesterwerke auf die Notenpulte gelangten. Heute reicht das Repertoire vom Frühbarock über die Klassik bis zur Moderne. Spielarten der Symphonie“Einem wirklich vorzüglichen Künstler kann man nur den guten Rat geben, sich nach England zu begeben, wo die Belohnung für Talente jeder Art zehnmal so groß ist wie in Neapel.” 1767 brachte Samuel Sharp dies in den Letters from Italy zu Papier. Er stand mit seinem Urteil nicht allein. Bereits fünf Jahre zuvor hatte es den jüngsten der “Bachs” aus Neapel nach London gezogen. Und auch die Mozarts blieben auf einer ihrer Reisen durch Europa für immerhin fünfzehn Monate an der Themse. Schließlich sollte Joseph Haydn noch dreißig Jahre später - nach der Aufführung seiner letzten Sinfonie - im Tagebuch notieren, er habe “diesen Abend vier tausend Gulden” eingenommen. Der alte Meister resümiert bestätigend: “So etwas kann man nur in England machen.” Unberührt von Erschütterungen, wie sie die französische Revolution für das Pariser Musikleben bedeutete, florierte das Londoner Konzertwesen mit wechselnden Protagonisten. Schon früh gründeten sich konkurrierende Musikgesellschaften. Als tonangebend in den 60er und 70er Jahren etablierten sich die so genannten Bach-Abel-Konzerte. Nur einige Wochen nach dem ersten Konzert in Spring Gardens trafen im April 1764 die Mozarts in London ein. Schnell wurde hier ein Kontakt geknüpft, der in gegenseitige Zuneigung mündete. Wo in Mozarts Korrespondenz der Name Bach auftaucht, zeugen die Worte von höchster Achtung vor dem Komponisten und Wärme gegenüber der Person. Ein Echo dieser Hinwendung findet sich nicht allein in Mozarts Umarbeitungen Bachscher Klaviersonaten in ganze Konzerte, sondern durchzieht die unterschiedlichsten Gattungen. Für das sinfonische Schaffen ist dieser Einfluss zwar noch kaum untersucht, doch Mozarts erste Versuche datieren gerade auf die Jahre 1764/1765 - ein Zusammenhang liegt da nahe. Zu dieser Zeit begann sich die Gattung “Sinfonie” mit konkret bestimmbaren Formen eben erst zu verselbständigen. Kündigten die Programmzettel eine “Sinfonia” an, durften Zeitgenossen ein nicht sehr langes Instrumentalstück erwarten, oft ein- bis zweisätzig und häufig mit konzerthaften Ansätzen. Gewöhnlich stand ein solches Stück als Einleitung vor einem Vokalwerk. Für die Oper entwickelte sich eine besondere Form der Einleitungsmusik: die neapolitanische Opernsinfonia. Konzertierendes Spiel war auch ihr nicht fremd, eine Gliederung in schnell-langsam-schnelle Abschnitte die Norm. Zwischen den verschiedenen Spielarten der Sinfonie sind die Übergänge fließend, wie das folgende Programm zeigen wird. Johann Christian Bachs Sinfonia für Doppelorchester op. 18, Nr. 3 in D-Dur ist uns in einer Sammlung überliefert, die der Londoner Verleger William Forster herausbrachte - wahrscheinlich erst kurz nach dem Tod des
Komponisten, wie die neuere Forschung annimmt. Die “Six grand overtures ... opera XVIII” vereinigen nach italienischer Tradition sechs Einzelwerke ähnlicher Struktur zu einer Publikation. Dabei wechseln Stücke für Doppelorchester (ungeradzahlige Nummern) mit solchen für einfaches Orchester (geradzahlig). Wie ihre Schwesternwerke fungierte die Sinfonia Nr. 3 ursprünglich als Ouvertüre zur “Serenata” Endimione (faktisch einer
zweiaktigen Oper) und erlebte bereits am 6. April 1772 ihre Uraufführung. Gerade die Sinfonien für Doppelorchester aber erfreuten sich auch unabhängig vom Entstehungsanlass besonderer Beliebtheit und finden sich noch lange nach Bachs erfolgreichen Jahren auf den Programzetteln der Konzertveranstalter. Dreisätzigkeit und Abfolge weisen sie als Abkömmling der Neapolitanischen Opernsinfonia aus, die Besetzung in zwei gleichberechtigten Klanggruppen gemahnt
an die Tradition des barocken Concerto grosso. Motivgestaltung und transparenter musikalischer Satz jedoch sprechen die Sprache der neuen Zeit, die eine wichtigere Rolle spielt, als es das Etikett der “Vorklassik” suggeriert. Musiker verbanden mit Bachs Stil vor allem einen Zug, den der zeitgenössische Musikhistoriker Charles Burney zusammenfasste: Bach sei “der erste Komponist” gewesen, “der das Gesetz des Kontrastes als ein Prinzip
wahrnahm”. Aus diesem Blickwinkel ist der Musiker nicht der letzte in einer Reihe - etwa der Bachsöhne, sondern der erste in einer neuen Ära. Zwar wurzeln die Kompositionsprinzipien im musikalischen Barock, doch erscheinen sie umgewandelt zu einer ganz eigenen Musiksprache, die - in Verkennung der historischen Reihenfolge - vielfach als “mozartisch” bezeichnet wird. Aus der Verknüpfung sinfonischer Elemente mit konzertierenden entstand mit der Sinfonia concertante eine eigene
Gattung. Doch auch Werke, die dies nicht so demonstrativ im Namen führen, verfügen mitunter über ein beträchtliches Potential an ambitionierten Soli. Die Serenade Nr. 4, D-Dur, KV 203 von Wolfgang Amadeus Mozart gibt dafür ein glänzendes Beispiel. Gleich drei Sätze könnten zusammengefasst und als “Violinkonzert” aufgeführt werden. Sie sind tonartlich hervorgehoben. Wir finden im ersten Andante (einer im übrigen nicht
originalen Bezeichnung Mozarts) denselben ökonomischen Umgang mit dem Thema, wie er sich bereits bei Johann Christian Bach andeutete. Weiche Terz- und Vorhaltsbildungen in den Oboen verleihen dem Satz Glanz und setzen gleichsam einen klanglichen Kontrapunkt zu den virtuosen Eskapaden der Solovioline. Betonte Gegensätze von schwer und leicht fordert das zugehörige Menuett, dessen Trio die Aufmerksamkeit wieder auf die Prinzipal-Geige
lenkt. Die Sechzehntelfigurationen sind indessen nur ein “Vorgeschmack” auf das Allegro, das dem Orchester ein markantes Tutti-Thema bietet, dem ersten Geiger dagegen erneut mannigfache Herausforderungen in den Solo-Episoden. Auch über Joseph Haydns Orchesterwitze ist mittlerweile einiges zu erfahren. Selbst wenn diese Sicht bestimmte
Momente seiner Instrumentalmusik beschreiben kann, ist damit das längst überholte “Papa-Haydn”-Bild noch nicht durch ein realistischeres ersetzt. Den Hintergrund bildet die generelle Vorstellung einer immer liebenswürdigen, freundlichen Musik ohne echte Probleme und damit ohne Tiefe. Wenige Werke sind davon verschont geblieben. Am ehesten gilt dies neben den Streichquartetten jedoch für die zum Muster der klassischen Sinfonie erhobenen
“Londoner Sinfonien”. Der zu Berühmtheit gelangte Komponist erfüllte mit ihnen seinen Vertrag mit Johann Peter Salomon. Salomon, selbst Geiger und Komponist, hatte mit seinen Subskriptionskonzerten erfolgreich mit den Nachfolgern der Bach-Abel-Konzerte, den Professional Concerts, um die Vorrangstellung im musikalischen London konkurriert. Haydns Aufenthalte erwiesen sich als gut organisiert, denn spätestens seit Anfang der 70er Jahre waren
dort Kompositionen des Meisters gedruckt und aufgeführt worden. Die Sinfonie Nr. 104 ist Haydns letztes Werk in dieser Gattung. Welche Wertschätzung ihr entgegengebracht wurde, lässt sich an ihrer weitreichenden Verbreitung vor allem in bearbeiteter Form ablesen: Arrangements für Klavier zu zwei und vier Händen, für Streichquartett mit und ohne Flöte, für Klaviertrio und sogar als Kantatensatz einer späten Version (1810). Dietmar Oberer
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